WAS EIN MARATHON, EINE PROMOTION UND EINE GEBURT GEMEINSAM HABEN

Schon eine Weile vor der Geburt unserer Maus aber nach dem erfolgreichen Finish zweier Marathons habe ich meine Promotion fertig gestellt und dabei bemerkt, dass das Promovieren und das Marathonlaufen - besonders das erfolgreiche Promovieren und das Marathon finishen - einiges gemeinsam haben. Als ich in den Wehen lag, ist mir dieser Vergleich wieder eingefallen. Die Geburt eines Kindes hat durchaus auch Parallelen zu einem Marathonlauf.

 

Der Wunsch ist - zunächst - der Vater des Gedanken. Das muss auch so sein, sonst würde es keiner machen.

Los geht alles Dreies mit einem Wunsch und später einem Willen. Dem Wunsch eine Doktorarbeit zu schreiben. Einen Marathon zu laufen. Ein Baby zu bekommen. Doktorarbeit und Marathonlauf müssen angemeldet werden. Dann muss man schreiben bzw. trainieren. Der härteste Part bei der Doktorarbeit. Man muss dabei bleiben und sich immer wieder ransetzen. Neben der Arbeit, einem Referendariat oder etwas ähnlichem hat man plötzlich nie mehr echte Freizeit, immerhin muss ja immer an der Doktorarbeit geschrieben werden. Außerdem ist sie gefühlt nie wirklich fertig. Es gibt immer noch einen weiteren Aspekt, den man beleuchten, ein weiteres Kapitel, das man schreiben könnte. 

Es bedarf wirklicher Hingabe und Beständigkeit um nicht unterwegs aufzugeben. Ich weiß nicht, wieviele Doktorarbeiten irgendwo im Sande verlaufen sind, weil sie nie fertig gestellt wurden. Denn der Weg zum fertigen Werk führt einen in Sackgassen und der Weg zurück auf den rechten Pfad ist dunkel und steinig. Auch hasst man unterwegs häufiger sein eigenes Werk. Fragt sich, wie zum Teufel man auf die Idee kommen konnte, so ein Monster verfassen zu wollen. Und ob man sich selbst überschätzt hat. Naiv gewesen ist. Sich alles zu einfach vorstellt hat.

Ein Gedanke, der mir auch während des Marathontrainings mehrfach gekommen ist, vor allem aber auch während meiner beiden Marathonläufe omnipräsent war. Je mehr Kilometer in den Wettkämpfen absolviert waren, desto größer wurden die Schmerzen und proportional dazu wuchsen die Zweifel. "Warum zur Hölle bin ich überhaupt auf die Idee gekommen 42km laufen zu wollen? --- Wieso würde sich überhaupt ein Mensch solch einer Tortur freiwillig unterziehen wollen?" Auch während meiner Promotionszeit: "Warum würde ich freiwillig mehr als 200 Seiten über irgendein Jurathema schreiben wollen? --- Wen interessiert das überhaupt? --- Wer braucht überhaupt einen Doktortitel? --- Doktortitel werden auf jeden Fall überbewertet!!" 

 

Bei der Geburt unserer Tochter habe ich solche Gedanken von Anfang an nicht zugelassen. Die Antwort auf diese Fragen war von Anfang an so klar, dass ich sie mir gar nicht erst gestellt habe. Mantras haben hier mein Denken beherrscht. "Das haben alle Mamas vor mir geschafft. --- Ich bin freiwillig Marathon gelaufen und auf den Pico del Teile (Teneriffa, 3718m) geklettert, dann schaffe ich das hier auch! --- Aufgeben und umkehren ist keine Option." 

Diese Mutmacherüberlegungen waren während der Geburt die ganze Zeit in meinem Kopf präsent; beim Marathonlaufen und Promovieren musste ich sie aktiv und anfangs ohne recht daran zu glauben in mir wiederholen. "Ich schaffe das! --- Viele vor mir haben das auch geschafft!"

Der größte Mutmacher jedoch wurde mir erst bei meinem zweiten Marathon wenige km vor dem Ziel mit auf den Weg gegeben und er lässt sich auf die Geburt eines Kindes und die Herstellung einer wissenschaftlichen Arbeit gleichermaßen übertragen: 

Es war in Frankfurt etwa bei km 35. Ich konnte nicht mehr. Ich starrte auf die Straße, unter mir schlichen die Streifen der Straßenmarkierung in einem viel zu langsamem Tempo an meinen Laufschuhen vorbei. Den Blick nach oben vermied ich mittlerweile. Ich sah zu fertig aus und konnte meine Schultern auch nicht mehr recht aufrecht halten. Auch wollte ich keinen der wirklich lieb gemeinten Yeahr - wohoo - Ines (auf den Schildern mit den Startnummern stehen ja die Namen der Läufer drauf) - Du - schaffst - das - Anfeuerungsrufe mehr hören, denn für mich fühlte sich nichts mehr yeahr an. Gefühlt musste ich ums nackte Überleben kämpfen. Einmal schaute ich doch kurz auf. Ein Mann im Rollstuhl lächelte mich an. Er hielt ein Schild in den Händen, auf dem stand: "Run for those who can't!" Mir wurde klar, wie viel der Mann vermutlich geben würde, diese letzten Schritte an meiner Stelle laufen zu dürfen. Nicht nur mit ausgeruhten Beinen, sondern auch mit meinen geschundenen 35km-Beinen. Ich richtete mich innerlich auf und lief gleich ein bisschen schneller. Dieses Mantra habe ich oft wiederholt, auch während ich unsere Maus geboren und meine Doktorarbeit geschrieben habe. Wie viele Menschen würden etwas dafür geben, die Chance zur Promotion zu bekommen. So viele Frauen können keine Kinder bekommen und würden den Schmerz einer Geburt gern in Kauf nehmen. 

 

Deshalb habe ich durchgehalten. Alle drei Lebensereignisse haben mich auf eine Probe gestellt, mich weich und zugleich härter gemacht. Ich habe durchgehalten und wenn ich das kann, könnt Ihr das auch!! <3

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Kommentare: 2
  • #1

    Vincent (Sonntag, 05 März 2017 22:20)

    Sehr schöner und passender Beitrag von dir! Mach weiter so.

  • #2

    Mia (Samstag, 11 März 2017 18:39)

    Du tapfere Frau! Schön, dass du solche Dinge teilst.